Moderne Zeiten – Wien modern

Als vor einigen Tagen der RBB mit einer abendlichen Sendung warum wir Wien lieben seine wahrscheinlich zum größten Teil ältere Zuhörer erfreute, stellte sich die Stadt dar, die nie ihren Walzerton verlor. Es wurden neben den sattsam bekannten Monumenten, der geigende Strauss und das Schloss Schönbrunn, aber auch die  Hundertwasserhäuser und jenes traditionelle Wäschegeschäft am Stadtpark gezeigt. Die sich formende Moderne in dieser Stadt, begonnen mit  der einfach raffinierten U-Bahn und einer modernsten Architektur, sollte wohl das romantisch stilvolle Bild der Donaumetropole nicht stören. Das war schade, denn Wien hat sich mit großen Schritten in die Moderne hineinbegeben und besonders mit der Musik, die immer schon den Rang dieser Stadt als Weltstadt der Musik begründet hat. Dabei schafft man mit Charme und Pragmatismus jenen oft tiefen Graben zwischen Globalität und Lokalität zu überbrücken, der sich oft, beispielweise in Berlin, zwischen Bezirk und Senat so unheilvoll zwischen die Entwicklung einer lebendigen, die Menschen tragende Kulturszene stellt.

Neueste Musik nannte die INÖK, die Interessengemeinschaft Niederösterreichischen Komponisten und Komponistinnen schlicht ihr Konzert im schönen Roten Salon, der so gut zur Neuen Musik passt, erholsam nach den ewigen Fabriketagen, den häufigen Orten Neuer Musik. Ein wunderbares  Konzert ! Diesmal spiele das Art Ensemble, nach dem das Max Brand Ensemble der INÖK am 1.9.2018 das im Rahmen des Oaarwurm Festivals zu einem Konzert nach Berlin eingeladen worden war.    

Ein Festival Neuer Musik in Wien von über 30 Tagen, das ist einmalig in Europa, wenn nicht in der Welt und so das  Motto : Kontrolle ist gut, Mut zum Risiko ist besser wie es die im schönsten Abendkleid über den Abgrund balancierende junge Frau verkörperte. Hunger auf Kultur und Kunst, nennt sich der Aufruf des Festivals zur Teilnahme und bietet genug Nahrung für jeden und dieses fast ohne Risiko einer Verstimmung bei einem so facettenreichen Programm, das sich nicht nur einem Format sondern der Modernität verpflichtet sieht.

 Mit dem Österreichischen Komponistinnenwettbewerb und der Preisverleihung hat sich Wien Modern mitten in das Risiko begeben, eine Debatte, die zwischen me too und traditionellen Strukturen wie keine andere ein Zeichen dieser von Umbrüchen gezeichneten Zeit ist.  Noch vor einer Generation trug die Frau in Österreich wie in GB und in den USA  nicht nur den Namen sondern auch den Titel des Mannes Frau Hofrätin, und Wiener Vizebürgermeisterin  Maria Vassilakou erinnerte an die vielen Komponistinnen, die entweder nicht wahrgenommen wurden oder sogar den Namens ihres Mannes oder sogar des Bruders wie Fanny Mendelsohn nutzten, um einen Schritt in die Öffentlichkeit zu riskieren. Es waren ja nicht nur die Musikerinnen, sondern wenn wir es jetzt so nennen dürfen und sollen, die Ausbeutung der geistigen Kräfte trug viele Züge, von Marianne von Willemer (Goethe) bis zu Claudel, die durch ihre Liebe zu Rodin nicht nur ihre Seele, sondern auch den Verstand verlor.

So war dieses Vorhaben des Wettbewerbs vielleicht mit dem größten Risiko während des Festivals behaftete. Frauen waren sehr lange vom Musikbetrieb ausgeschlossen, nicht nur die Wiener Philharmoniker auch die Berliner wehrten sich bis weit in   unsere Tage gegen die Teilnahme von weiblichen Künstlerinnen in den jeweiligen Musikkorpus. Daher ist die Erwähnung und Teilnahme von Komponistinnen am Musikleben ein großer Schritt in die Moderne –mit allen Risiken. Denn die Teilnahme von Frauen mag auf die gleichen Kanten stoßen wie bei anderen Schritten in Gebiete, die ihnen früher verschlossen waren. Es fehlt an einer ernsten Auseinandersetzung und einer ziel- und personenbestimmten Kritik. Um es ganz platt auszudrücken, Dinge, auch Kompositionen sind nicht automatisch gut, weil sie von Frauen sind. Sie, die Frauen sollten Kritik und Auseinandersetzung fordern, Zusammen- und Mitarbeit ihrer männlichen Kollegen. Wenn man liest, wie Manfred Reichert mit Hespos, besonders mit Rihm und Cage gearbeitet hat, wenn ein Stück erarbeitet wurde, dann ahnt man, wieviel Mühe und Herzblut (bis zu Auseinandersetzungen ) die Kompositionen von Neuer Musik erfordern (Manfred Reichert: Fremder Ort Heimat. Manfred Reichert und das Ensemble 13, Berlin 2018, ISBN 978-3-945610-41-1) Es ist nur zu wünschen, dass die preisgekrönten Komponistinnen wissen, dass dieser Weg vor ihnen liegt, denn ob weiblich oder männlich, dieser Weg in die Musik ist steinig und die Neue Musik bietet kein glattes Pflaster, da die Liebe zur Musik wegen der oft abwartenden, wenn nicht feindlichen Haltung des Publikums auch sehr unglückliche Züge aufweisen kann. Davon konnte an diesem Abend keine Rede sein. Die Frauen, eingeleitet von charmanten und attraktiven Rednerinnen hatten wieder eine Etappe gewonnen. Möge sie diese weiter zum Ziel führen, die Musik auszuüben, an ihr zu arbeiten und ihr zu dienen.